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IHK24

Neujahrsrede Konstanz

Neujahrsempfang 2009 der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee

Montag, 26. Januar 2009 im Konzil in Konstanz

Ansprache der Stellvertretenden Präsidentin Ingrid Hempel

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste,

Ihnen allen ein herzliches Grüß Gott und ein herzlicher Willkommensgruß zu unserem Neujahrsempfang 2009 hier im ehrwürdigen Konstanzer Konzilgebäude.

Ich freue mich sehr, zu Beginn dieses noch jungen Jahres 2009 zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Ich will dabei auf das momentan alles beherrschende Thema, die gegenwärtige Marktsituation, eingehen, weil es den ureigensten Interessen und Aufgaben einer IHK geschuldet und damit einfach selbstverständlich ist

Ich bin stolz darauf, dass es uns - gemeinsam mit unserem Partner - der Handwerkskammer Konstanz, in den vergangenen Jahren immer wieder gelungen ist, Ihnen mit unseren Festrednern und ihren Vorträgen interessante Denkanstöße am Anfang eines Jahres mit auf den Weg zu geben.

Dass uns dies auch heute gelingen wird, meine Damen und Herren, daran habe ich keine Zweifel.

Unser heutiger Gast, der Abtprimas des Benediktinerordens,
Dr. Notker Wolf, ist uns wertvoller denn je.

Denn in der derzeitigen Situation können Gottes Segen und eine gehörige Portion Gottvertrauen sicher nicht verkehrt sein. Seine Neujahrsansprache wird uns um viele Einsichten und Erkenntnisse bereichern, an denen wir unsere eigenen Haltungen prüfen und – je nachdem – bekräftigen, ändern, oder gar verwerfen können.

An dieser Stelle ein herzliches Willkommen, lieber Abtprimas Wolf!

Ich freue mich auch, Sie als den „Schwarzen Papst” begrüßen zu dürfen. Von Insidern weiß ich, dass die Bezeichnung eigentlich den „Jesuiten” vorbehalten ist und gleichwohl Ihnen verliehen wurde. Verraten hat mir das übrigens der Dompfarrer vom Freiburger Münster, Claudius Stoffel.

Lieber Abtprimas Wolf, wir alle sind sehr gespannt auf Ihre Worte.

Meine Damen und Herren,

wir leben fürwahr in „interessanten” Zeiten. Und das ist bewusst zurückhaltend ausgedrückt. Die zurückliegenden Monate waren turbulent. Bankenpleiten, Börsenabsturz und eine drohende Rezession, das Weltfinanzsystem stand vor dem Abgrund.

Eine so dramatische Entwicklung provoziert immer die Frage nach den Ursachen und weckt den Ruf nach Ermittlung der Schuldigen und nach der Übernahme von Verantwortung.

Mir wird es aber, meine Damen und Herren, heute nicht um Schuld gehen. Die Irrtümer, denen wir alle täglich im Leben unterliegen, machen nur allzu deutlich, wie groß die Vorsicht und eben auch die Bescheidenheit des kritischen Beobachters sein sollte.

Nein – ich möchte nur in wenigen Worten versuchen, den Weg zu dem groß angelegten Gedankenbau von Abtprimas Notker Wolf zu skizzieren, möchte Sie einstimmen auf seinen Entwurf und seine Erkenntnis.

Liebe Gäste, Wissen und Gewissen – hing das einmal zusammen – hängt das noch heute zusammen?

Welchen Stellenwert hat das Wort „Gewissheit”?

Zunächst einmal: Verantwortliches Handeln setzt voraus, dass wir wissen, was wir tun. Und – mehr noch – dass wir die Folgen unseres Tuns kennen oder doch zumindest abschätzen können. Wer glaubt, darauf verzichten zu dürfen, handelt nicht nur fahrlässig, sondern auch gewissenlos. Nicht anders, als ein Fahrer, der im dichten Nebel den Fuß nicht vom Gas nimmt.

Erst und nur, wenn wir wissen, was wir tun, sind wir auch in der Lage, dieses Tun zu bewerten.

Hier tritt unser Gewissen auf den Plan: wenn es darum geht, eigenes Verhalten an Werten zu messen und auszurichten.

Es ist der ethische Kompass, der uns hilft, in der Summe vieler kleiner und größerer Entscheidungen unseres beruflichen und privaten Alltages eine große Richtung nicht aus den Augen zu verlieren – ethisch, moralisch, menschlich Kurs zu halten.

Schließlich schenken uns beide zusammen – das Wissen um das eigene Tun und das Gewissen bei der Auswahl der Handlungsalternativen – die Gewissheit, auf dem richtigen Wege zu sein.

Wissen, Gewissen und Gewissheit sind also eng gepaart.

Meine Damen und Herren, was aber wissen wir von der globalen Krise?

Gibt es Vergleichbares? Taugt der Rekurs auf den „Schwarzen Freitag 1929”?

Panik und lawinenartiger, kollektiver Vertrauensverlust waren damals wie heute die große Bedrohung.

Aber wie vergleichbar sind die beiden Ereignisse wirklich?

„Gegenwärtiger Eindruck und unbewusste Erinnerung” nannte der Schriftsteller Andrè Maurois die Koppelung von Rückbesinnung auf die Vergangenheit bei gleichzeitiger Sezierung der Gegenwart.

Einige setzen den „Schwarzen Freitag” im Oktober 1929 als Spiegel der gegenwärtigen Krise und versuchen, die Gegenwart aus den Ereignissen von 1929 zu erklären – um zukunftsfähige Prognosen aus den Ergebnissen zu lesen.

Bei ihren Untersuchungen aber übersehen die Sezierer – auch manches Wirtschaftsinstitut übrigens – allzu leicht, dass die Ausgangssituation damals eine entscheidend andere war.

Nämlich: Im Hintergrund der erste Weltkrieg.

Die Inflation 1923, eine Umverteilung des Volksvermögens bereits vor der stabilisierenden Rentenmark und die hohe Arbeitslosigkeit.

Ein durchaus anderes Bild zeigt ein Schlaglicht auf den Oktober 2008 – also 79 Jahre später.

Zunächst – wir wollen ehrlich sein – die negativen Seiten:

Eine wirtschaftliche Abwärtsbewegung zeigte sich bereits im Frühjahr des letzten Jahres. Hier gab es bereits Ansätze für eine Verlangsamung der Dynamik. Im Auf und Ab der konjunkturellen Entwicklung war bereits Ende 2007 der höchste Punkt des Aufschwungs überschritten, eine Abkühlung zeichnete sich ab.

Hinzu kamen weitere unangenehme Faktoren, Steueraffären, Ölpreis-Explosion, steigende Lebensmittelpreise, kriminelle Datenskandale und anderes mehr. Die Bankenkrise hat diese ohnehin schwierige Situation noch einmal negativ überlagert.

Meine Damen und Herren, gerade weil dies so ist, dürfen wir aber die Guthaben auf der Habenseite nicht ausblenden. Sie sind erheblich und sie machen Mut. Sie sind der Grund dafür, dass wir heute auch einer globalen Krise anders und erfolgreicher begegnen können als dies vor Jahrzehnten der Fall war:

  • Festgefügt sind die wirtschaftlichen Plattformen der Unternehmen.
  • Das Know How, die Bestandsaufnahme des Wissens, die Arbeitsprozesse: Alles ist bestens organisiert, strukturiert, bilanziert. Die Unternehmen sind, wie die jüngste Vergangenheit, die uns hier im Südwesten eine faktische Vollbeschäftigung, ja sogar einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften beschert hat, belegt, auf einem guten Weg.
  • Die meisten unserer Mitglieder haben in guten Zeiten, wie man sagt, „ihre Hausaufgaben gemacht”. Sie gehen bestens trainiert in die Herausforderungen der kommenden Monate. Ich verkenne hierbei nicht,
  • dass es Unternehmen gibt, die sich keine Fehler vorwerfen müssen und in eine schwierige Situation geraten sind.
  • die demokratischen Verhältnisse sind geordnet, die politischen stabil.
  • Die Menschen sind deshalb weniger anfällig für selbsternannte Weltuntergangspropheten. Sie vertrauen auf die Innovationskraft unserer Wirtschaft und auf den Gestaltungswillen und die Gestaltungskraft unserer Politiker.
  • Schließlich, auch das muss auf der Habenseite erwähnt werden, gehen mit dem Abknicken allzu steiler Wachstumskurven, wie wir sie etwa bei der Entwicklung des Flugverkehrs oder beim Transport einfachster Güter rund um die Welt beobachtet haben, auch entlastende Effekte einher.
  • Deutlich fallende Rohstoffpreise entlasten die Wirtschaft und die Verbraucher gleichermaßen und wenn wir alle einmal weniger oder weniger weit in den Urlaub fliegen sollten, werden es uns Umwelt und Klima danken.

Es ist vor diesem Hintergrund nicht einfach so dahingesagt, wenn ich überzeugt bin, dass wir die gegenwärtige Krise nicht nur überwinden, sondern auch nutzen können. Nutzen für die Initiierung und Realisierung von Veränderungsprozessen und Reformen, von deren Notwendigkeit und Nützlichkeit wir schon zuvor überzeugt waren, für die uns aber bislang die politische Kraft oder der individuelle Wille gefehlt haben.

Darin, meine Damen und Herren, liegt die viel beschworene Chance in der Krise: dass sie uns eint im Bemühen, die Welt zu einer besseren zu machen!

Damit dies gelingt, meine Damen und Herren, müssen wir das Wissen und das Gewissen wieder in den Mittelpunkt unseres Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns rücken.

Prof. Dr. Dr. Franz Radermacher ruft uns in seinem Buch „Welt mit Zukunft” zu: „Zukunft braucht Werte”. Ein zentraler Wert unserer Verfassung ist nicht nur die Garantie des Eigentums, sondern auch seine Einbindung in das Gemeinwohl. Mit dem Vermögen, mit der Macht, mit der Führungsstärke eines Menschen wächst zugleich seine Verantwortung dafür, wie er diese Ressourcen einsetzt.

Unternehmensstärke, Unternehmenserfolg und Unternehmens­gewinne sind unverzichtbare Voraussetzungen der staatlichen Daseinsfürsorge, die ihrerseits die Grundlage politischer und sozialer Stabilität bilden.

Für dieses Modell lohnt es sich zu kämpfen und zu werben!

Nicht die Globalisierung darf die soziale Marktwirtschaft auszehren, meine Damen und Herren!

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die soziale Marktwirtschaft muss globalisiert werden!

Meine Damen und Herren, an der derzeitigen Situation gibt es nichts zu beschönigen. Aber ich halte auch nichts davon, die Dinge schwarz zu malen. Denn eine Krise, die man täglich aufs Neue heraufbeschwört, kann gerade dadurch erst richtig bedrohlich werden.

Der Dichter Hölderlin hat treffend formuliert, was wir auch heute spüren, dass nämlich „in der Gefahr auch das Rettende” wächst. Die Gefahr ist augenscheinlich. Auch in unserer Region. Viele unserer exportorientierten Mitgliedsfirmen spüren sie bereits deutlich und die Absatzkrise des Automobilsektors schlägt auf unsere Zuliefererbetriebe durch.

Bisher probate Systeme haben versagt. Das Systemversagen hat zu einem Verlust des Systemvertrauens geführt.

Deshalb ist es richtig und wichtig, dass die Politik alles in ihrer Macht stehende tut, um dieses Systemversagen abzuwenden. Die Neuordnung des Finanzsystems ist dabei nur ein wichtiger Baustein von vielen anderen.

Unsere IHK-Organisation hat hierfür ihre Vorschläge auf den Tisch gelegt:

  • Die Entlastung kleinerer und mittlerer Einkommen bei der Einkommensteuer,
  • die Senkung der Rentenversicherungsbeiträge,
  • die Reduktion der Arbeitslosenversicherungsbeiträge,
  • investitionsfördernde Nachbesserungen bei der Unternehmensteuerreform sowie
  • ein Vorziehen von Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, in Forschung und Bildung.

Einige unserer Forderungen finden sich im Konjunkturpaket II, das von der Bundesregierung auf den Weg gebracht worden ist. Dieses mit 50 Mrd. Euro in der Geschichte der Bundesrepublik größte Konjunkturprogramm setzt viele wenn auch teilweise recht kleine Impulse.

Wir begrüßen die geplanten zusätzlichen öffentlichen Investitionen in Bildung, Verkehr und den Ausbau der Breitbandverkabelung für schnelle Internetanschlüsse. Und wir hoffen und werden alles dafür tun, dass davon auch Spürbares in unserer Region ankommt.

Richtig finden wir auch einzelne Programmpunkte zur Entlastung der Arbeitgeber, z. B. beim Kurzarbeitergeld, und die geplanten Maßnahmen zur Qualifizierung von Jugendlichen ohne Berufsabschluss. Und zielführend ist sicherlich auch, eine Schuldenbegrenzung im Grundgesetz zu verankern, wenn auch leider erst ab 2015.

Eher kritisch sehe ich hingegen die steuerlichen Beschlüsse, die Gefahr laufen, jetzt ohne große Wirkung zu verpuffen, uns aber für die Zukunft den Gestaltungsspielraum für eine wirklich effiziente Steuerreform rauben.

Meine Damen und Herren, neben allen ordnungspolitischen Maßnahmen sollten jedoch auch die Wirtschaftsakteure selbst eine Standortbestimmung vornehmen.

In der öffentlichen Diskussion entsteht unter dem Einfluss der gegenwärtigen Krise oft der Eindruck, Anstand und gute Sitten hätten im Wirtschaftsleben und der allgegenwärtigen Globalisierung keinen Platz mehr. Aber stimmt das wirklich? Gehören Anstand und gutes Wirtschaften nicht doch zusammen?

Unternehmerisch klug handeln heißt, sich die Konsequenzen seines Tuns gut zu überlegen.

Einseitige Fixierung auf kurzfristigen Gewinn und Skrupellosigkeit im Wettbewerb rächen sich irgendwann. Weder das eine noch das andere ist unumgänglich.

Gerade die mittelständischen Unternehmer, allen voran die Familienunternehmen wissen, dass die Basis ihres Erfolges Verlässlichkeit ist, Qualität, Leistung und Kundenvertrauen, oder, wenn Sie so wollen, ganz einfach das Selbstverständnis des ehrbaren Kaufmannes.

Unsere Unternehmen haben auf den internationalen Märkten den guten Ruf, dass sie anständige und qualitätsvolle Ware liefern. Deshalb sind wir Export-Weltmeister! Weil man sich auf uns verlassen kann. Das zeichnet die Marke Deutschland aus. Unsere Kunden wissen, dass sie von uns nicht übers Ohr gehauen werden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.

Und wenn es ein Problem gibt, dann werden die Kunden damit nicht allein gelassen.

Und was lernen wir daraus? Anstand und gute Sitten bauen vor allem auf den gesunden Menschenverstand! Ein guter Kaufmann denkt über den Tag hinaus. Er ist nicht darauf aus, andere zu übervorteilen. Er ist an Stammkundschaft interessiert. An langen und guten Geschäftsbeziehungen. Heute nennt man so was „nachhaltig.”

Meine Damen und Herren,

mit unserer einzigartigen mittelständischen Wirtschaftsstruktur haben wir wirklich gute Voraussetzungen, aus der gegenwärtigen Krise gestärkt hervorzugehen. Der Mittelstand ist das Kraftzentrum – nicht nur für unsere Region, sondern für das gesamte Land. In einer Krise gibt es nichts Schlimmeres als das Starren auf Zahlen und Kurven, auf das bange Warten auf die nächste und übernächste Katastrophenmeldung.

Unsere Unternehmerinnen und Unternehmer tun gut daran, sich auf die operative Exzellenz in ihren Betrieben zu konzentrieren. Es gilt dabei, den Blick für den optimalen Ablauf der Prozessketten im Betrieb zu schärfen, die Ressourcen sinnvoll zu dimensionieren und die richtigen Methoden und Verfahren so konsequent und akribisch wie irgend möglich um- und einzusetzen. Denn die besten Planungen und Analysen führen langfristig nicht zum Ziel, wenn es bei der Umsetzung an Effizienz und Qualität mangelt.

Die operative Exzellenz sichert den Geschäftserfolg auch und gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Davon bin ich fest überzeugt.

Der Finanzsektor wird sich in einem umfassenden Reinigungsprozess neu ordnen müssen. Dabei sollten Transparenz und Kontrolle an oberster Stelle stehen, um verloren gegangenes Vertrauen wieder gutzumachen. Das gesamte Bankensystem muss sich auf neue und stabile Füße stellen.

Wenn dies der Weltgemeinschaft, aber auch den Nationalstaaten gelingt, dann werden wir am Ende der Krise besser gerüstet dastehen als zuvor. Auch wenn das Lehrgeld, das wir dafür bezahlen, hoch ist.

Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Region auch diese Krise überstehen werden. Mit innovativen Produkten und Dienstleistungen sowie mit neuen Geschäftsmodellen lassen sich auch neue Märkte finden und damit neue Arbeitsplätze generieren. Ich weiß um die Innovationskraft unserer Region.

Ich vertraue darauf.

Tun Sie es auch, meine Damen und Herren! Ich wünsche uns allen Optimismus und Zuversicht für das Jahr 2009 und natürlich Gottvertrauen, wie ich es ja eingangs erwähnt habe.

Mit seinen Ein – und Aussichten aus heiterem Himmel wird uns nun Abtprimas Notker Wolf erfreuen.

Herzlichen Dank!

DOKUMENT-NR. 12169

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