. .
Illustration

STANDORTPOLITIK

Der Wert der Familie

Der Wert der Familie

Berliner Wirtschaft – Juli/August 2005

Familienfreundlichkeit ist "in". Sie hat es sogar bis in den Wirtschaftsteil überregionaler Tageszeitungen gebracht. Angesichts der demographischen Entwicklung wird das Thema immer stärker unter ökonomischen Aspekten diskutiert: Die Bedeutung von Kindern für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, für Innovationen und für den Arbeitsmarkt.

So harmonisch geht es meistens nicht zu - viele Eltern haben große Schwierigkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren.
Foto: IHK Berlin

Diese Akzentverschiebung - weg von der gesellschaftspolitischen hin zur ökonomischen Betrachtung - ist gut, weil sie das Thema Familie in das Zentrum der politischen Debatte rückt. Das darf jedoch nicht den Blick auf den Kern verstellen: Zuerst bedeutet Familie Lebensglück, Chancen und Potenziale. Sie ist der Ort, an dem Eltern Verantwortung übernehmen und Kinder Verantwortung lernen. Werte wie Gemeinsinn und Rücksichtnahme werden hier gelebt. Familie ist zunächst eine persönliche Lebensentscheidung - allerdings mit Folgen für die Gesellschaft. Hierüber erfährt die ökonomische Perspektive ihre Berechtigung: Denn Deutschland steht im internationalen Wettbewerb um Investoren; die Unternehmen stehen im weltweiten Wettstreit um die besten Köpfe.

Bei einer extrem niedrigen Geburtenrate von nur 1,4 Kindern pro Frau ist Familienfreundlichkeit ein immer wichtigerer Zukunftsfaktor: Unternehmen, die sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf engagieren, liegen als attraktive Arbeitgeber vorn und können das Fachkräftepotenzial besser ausschöpfen. Außerdem ist die umlagefinanzierte soziale Sicherung auf "Nachwuchs" angewiesen, weil sonst die Beiträge explodieren - und mit ihnen die Lohnzusatzkosten. Last but not least: Jüngere sind häufig besonders innovativ und treiben den Fortschritt voran. Gibt es weniger kreative Köpfe, sinken die Aussichten auf Innovationen und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Verschiedene Studien belegen, dass sich Familienfreundlichkeit in Euro und Cent auszahlt. Viele Unternehmer können dies aus eigener Erfahrung bestätigen: Mitarbeiter kehren schneller aus der Elternzeit zurück, Fehlzeiten sinken und die Unternehmenskultur verändert sich positiv.

Doch wo kann Familienfreundlichkeit im Unternehmen ansetzen? Die Zeiten, als Familienfreundlichkeit auf das Vorhandensein eines Betriebskindergartens reduziert wurde, sind zum Glück vorbei - denn Betriebskindergärten sind nur in den wenigsten Fällen die beste Lösung. Im Checkheft "Familienorientierte Personalpolitik", das der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und das Bundesfamilienministerium herausgegeben haben, wird deutlich gemacht, wie viele Ansatzpunkte es für mehr Familienfreundlichkeit gibt - auch für kleine und mittlere Unternehmen: So können familienfreundliche Maßnahmen in den Bereichen des Zeitmanagements, des Arbeitsablaufmanagements, der Unternehmenskultur und des sog. Familienservice ergriffen werden.

Die einzelnen Maßnahmen sind dabei sehr vielfältig: Sie reichen von Arbeits- und Urlaubsregelungen bis zur Entscheidung, ob die Arbeit zu Hause oder im Betrieb verrichtet wird, von Kontakthalteangeboten während der Elternzeit bis hin zum Eltern-Kind-Arbeitszimmer. Die Bandbreite erstreckt sich weiter von der Unterstützung haushaltsnaher Dienstleistungen bis zu Notfallkrediten, von Belegplätzen in Kitas bis hin zur Möglichkeit, Essen aus der Kantine nach Hause zu nehmen.

Jedes Unternehmen - egal welcher Größe - kann zusammen mit der Belegschaft die Varianten wählen, die am besten passen. Mit neuen technischen Möglichkeiten kann erreicht werden, was vor kurzem noch Zukunftsmusik war: Dank Innovationen bei Telekommunikation und Internet ist eine ständige Präsenz am Arbeitsplatz mitunter nicht mehr nötig.

Insbesondere flexible Arbeitszeitmuster sind jedoch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf von großer Bedeutung - und nutzen Eltern, Kindern und Wirtschaft gleichermaßen. So hat der Wirtschaftssachverständige Dr. Bert Rürup im Juli ein Gutachten vorgelegt, wonach Arbeitszeiten, die sich stärker an den Präferenzen von Eltern orientieren, Erwerbsquoten und Wachstumspotenzial erhöhen sowie die Geburtenrate positiv beeinflussen können. Laut Studie könnte die Geburtenrate in den nächsten 15 Jahren auf 1,7 Kinder pro Frau steigen, wenn die tatsächliche Arbeitszeit stärker an die gewünschte Arbeitszeit angeglichen wird. Ließe sich der Wunsch vieler Frauen nach sog. "großen Teilzeitstellen" mit ca. 30 Wochenstunden realisieren, würden außerdem rund 936000 zusätzliche Arbeitskräfte benötigt. Außerdem lässt sich durch Arbeitszeitmuster wie Gleitzeitarbeit, Arbeitszeitkonten, Telearbeit oder Job-Sharing der Zeitdruck auf die Beschäftigten mindern und die Zufriedenheit erhöhen.

Es geht nur gemeinsam
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt jedoch nur, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und die Bedürfnisse des jeweils anderen berücksichtigen: Nicht nur der Arbeitgeber sollte sich fragen, was er der Belegschaft ermöglichen kann, sondern auch der Arbeitnehmer sollte versuchen, der Situation angemessene Lösungen zu finden. Beispielsweise ist es sinnvoll, während der Elternzeit Kontakt zur Firma zu halten. Wer selbst Engagement an den Tag legt, wird feststellen, dass auch beim Arbeitgeber die Bereitschaft zu unkonventionellen Lösungen steigt. Alle sind gefragt, gute Vorschläge zu machen und anzupacken - nur so bewegt sich etwas.

Bei aller Kreativität ist aber die Kinderbetreuung in Kita, Hort und Kindergarten eines der wichtigsten Elemente bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nur wenn eine gute Betreuungsinfrastruktur gegeben ist, können Eltern überhaupt arbeiten gehen. Hier kommt der dritte Akteur ins Spiel: Neben Eltern und Unternehmen trägt auch die öffentliche Hand eine wichtige Verantwortung bei der Balance von Familien- und Berufsleben. Der Ausbau einer entsprechenden Infrastruktur ist in erster Linie eine staatliche Aufgabe, die durch betriebliches Engagement natürlich ergänzt werden kann.

Stolpersteine ...aus dem Weg räumen!
Was nützen also die besten Ideen von Betrieb und Eltern, wenn die Betreuungssituation einen Strich durch die Rechnung macht? Die Politik ist gefordert, bessere Betreuungsangebote zu ermöglichen: auf Bundesebene, vor allem aber auf Landes- und Kommunalebene. Laut einer Umfrage des DIHK zum Thema Kinderbetreuung haben zwar gut 70% der Kitas vor 7.30 Uhr geöffnet, aber nur 5% nach 18 Uhr. Eltern, die samstags arbeiten, haben so gut wie keine Chance, ihre Kinder in einer Kita betreuen zu lassen: Nur gut 1% hat geöffnet, obwohl etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen regelmäßig am Wochenende und/oder in Schichtdiensten arbeitet. Es ist an der Realität vorbei argumentiert, wenn man "Nine To Five"-Arbeitsverhältnisse als Normalfall bezeichnet und Kinderbetreuungszeiten in erster Linie daran ausrichtet.

Darüber hinaus haben gut 60% der Kitas während der Schulferien geschlossen - eine Herausforderung sowohl für arbeitende Eltern als auch die Urlaubsplaner in den Betrieben.

Es kann nicht hingenommen werden, dass die Öffnungszeit der Kita den Arbeitsablauf einer Firma bestimmt. Ebensowenig darf Teilzeitarbeit gleichbedeutend sein mit "nur vormittags arbeiten". Funktionen, die in einer Firma in Teilzeitarbeit ausgeübt werden, können nämlich oft nicht nachmittags ruhen: In einer Telefonzentrale wäre dies z.B. nicht möglich. Die Infrastruktur muss sich deshalb an der Erwerbssituation der Eltern orientieren - nicht umgekehrt.

Schließzeiten über Mittag sind von den Kommunen abzuschaffen, da sie mit den meisten Formen der Erwerbstätigkeit nicht vereinbar sind: Etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen arbeitet nicht von montags bis freitags im Zeitraum von 9 bis 17 Uhr. Der Gesetzgeber (Land, Kommune) muss die Kitas in die Lage versetzen, mit flexiblen Öffnungszeiten zu reagieren und ggf. Samstagsöffnungen oder spätere Öffnungen bei Bedarf anzubieten. So unterstützt die Kita erwerbstätige Eltern, anstatt deren Arbeitszeiten zu diktieren. Während längerer Schließzeiten müssen verpflichtend Alternativen angeboten werden.

Es ist außerdem nicht einzusehen, dass Eltern, die beispielsweise an zwei Tagen Vollzeit und an drei Tagen Teilzeit arbeiten, nicht den tatsächlichen Stundenbedarf an Kita-Betreuung wählen können, sondern in der Regel für die ganze Woche Vollzeitbetreuung buchen müssen. Individuell vereinbarte Stundenkontingente und deren Abrechnung müssen Standard werden, damit Kinderbetreuung gerade für Teilzeitbeschäftigte nicht nur passgenau ist, sondern auch bezahlbar bleibt.

Natürlich können einzelne Kitas nicht für jede Situation eine Lösung bieten. Deshalb müssen trägerübergreifende Kooperationen und Netzwerke stärker ausgebaut werden. Dazu gehören familiennahe Dienstleistungen wie die Tagespflege, die z.B. bei fehlenden Belegplätzen die Infrastruktur vervollständigen würde. Sinnvoll kann eine Zusammenarbeit mit den "Lokalen Bündnissen für Familie" sein, die ein freiwilliger Zusammenschluss aus Akteuren vor Ort sind. Wie wichtig der Wirtschaft das Thema Familienfreundlichkeit ist, zeigt sich auch daran, dass sich schon mehr als die Hälfte der IHKs an "Lokalen Bündnissen für Familie" beteiligen und es in jeder IHK einen Ansprechpartner zur "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" gibt.

Neben der Verbesserung der Betreuungsinfrastruktur kann die Politik noch andere wichtige Weichen für mehr Familienfreundlichkeit stellen - z.B. indem sie erwerbsbedingte Betreuungskosten für Kinder in vollem Maße als Werbungskosten steuerlich absetzbar macht. Dies wäre eine Investition in die Steuerzahler von morgen

Die Kinderbetreuung muss sich dem veränderten Erwerbsverhalten der Eltern anpassen. Sobald eine nachfrageorientierte Kinderbetreuung aufgebaut ist, sollte die Elternzeit dann auf ein Jahr verkürzt werden. Um die Attraktivität dieser kürzeren Elternzeit zu erhöhen, sollte ein Elterngeld als Prozentsatz des letzten Nettoeinkommens gezahlt werden - finanziert durch Umschichtungen bei den familienpolitischen Ausgaben

Fazit: Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf betreffen alle Bereiche - Eltern, Unternehmer und öffentliche Hand. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, kann die Balance zwischen Familie und Beruf gelingen. Diese Herausforderung lohnt, angenommen zu werden - nicht nur aus ökonomischer Sicht: Kinder bedeuten Glück, Lebenssinn und sind ein Reichtum der besonderen Art.

Dr. Alexandra Hoffert (DIHK)

DOKUMENT-NR. 6888

IHK Hochrhein-Bodensee
Schützenstr. 8 - 78462 Konstanz
Postfach 10 09 43 - 78409 Konstanz
Telefon : +49 7531 2860 100
Telefax : +49 7531  2860 165
E-Mail : info@konstanz.ihk.de

IHK Hochrhein-Bodensee
Hauptgeschäftsstelle
E.-Fr.-Gottschalkweg 1 - 79650 Schopfheim
Postfach 12 24 - 79642 Schopfheim
Telefon : +49 7622 3907 0
Telefax : +49 7622 3907 250
E-Mail : info@konstanz.ihk.de

  • IHK SERVICE

  • VERANSTALTUNGEN FAMILIE UND BERUF

Zur Zeit gibt es in diesem Bereich keine aktuellen Inhalte