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STANDORTPOLITIK

Macht ist wo Bärte sind

Frauen haben es geschafft: Sie sind Bundeskanzlerin, haben fünf der 15 Ministerämter inne, sind Bundesverfassungsrichterin und Oberbürgermeisterin. Frauen haben Macht, haben mehr Bildung als jemals zuvor und suchen ein Leben jenseits der Geschlechterstereotypen. Und dennoch: Ein Blick auf die obersten Führungsetagen in Deutschland trübt das Bild ein. Je höher die Hierarchieebene, desto geringer der Frauenanteil. Frauen – erfolgreich in der Politik, machtlos in der Wirtschaft?

Ingrid Kurz-Scherf, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Marburg, charakterisiert den Aufstieg der Frauen in der Politik „als einen möglichen Machtverlust der Politik gegenüber der Wirtschaft“, die sich in ihren Spitzen als äußerst männerdominiert zeigt. Bleibt also die „wahrhaftige Macht“ den Frauen weiterhin verborgen? Geben Frauen irgendwo auf ihrem Lebensweg den Willen zu Macht und Führung auf?

Knapp die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland ist weiblich. Zwar ist der Frauenanteil der Führungskräfte bei den abhängig Beschäftigten in der privaten Wirtschaft von 21 Prozent in 2000 auf 23 Prozent in 2003 gestiegen, doch sind Frauen in den Aufsichtsräten der Großunternehmen nach wie vor unterrepräsentiert. Nur 7,5 Prozent der Sitze sind hier von Frauen besetzt. Die Grundlagen für eine erfolgreiche berufliche Karriere werden aber nicht erst mit dem Eintritt ins Erwerbsleben, sondern bereits in der Schule, dem Studium und der beruflichen Ausbildung gelegt.

Für Frauen wie für Männer gilt gleichermaßen: Je besser die schulische Ausbildung, desto größer die Chancen für den beruflichen Erfolg. Mädchen erreichen sogar höhere und bessere Schulabschlüsse als Jungen, unter den Abiturientinnen sind 56 Prozent weiblich. Doch diese guten schulischen Voraussetzungen für junge Frauen werden durch die bestehenden geschlechtsspezifischen Unterschiede im Berufswahlverhalten von Jungen und Mädchen geschwächt. Bereits die Auswahl des Berufsfeldes entscheidet oftmals über die Verteilung von Führungspositionen im späteren Beruf. Im Gegensatz zu Jungen wählen Mädchen aus einem engen und von herkömmlichen Rollenmustern geprägten Berufswahlspektrum und orientieren sich weniger an Verdienstmöglichkeiten oder Aufstiegschancen. Dies gilt für Ausbildungsberufe wie für das Studium. Um Frauen langfristig für Führungspositionen zu gewinnen, muss beim Berufswahlverhalten angesetzt werden.

Der Erfolg von Frauen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung hängt jedoch auch maßgeblich von ihrem Lebensalter ab. Sobald die Familiengründungs- und Kinderbetreuungsphase zwischen 30 und 40 Jahren erreicht ist, sinken die Chancen auf eine Führungsposition – bei gleichem Anstieg der tendenziell weiblichen Teilzeitarbeit. Nach wie vor sind es überwiegend die Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder sogar ganz aufgeben, wenn ein Kind geboren ist. Der Potenzialverlust, den die Wirtschaft alljährlich durch das familienbedingte Ausfallen qualifizierter Frauen erleidet, ist glücklicherweise nicht verborgen geblieben. Mit Mentoringprogrammen, Netzwerken, Auditierungen und einer familienfreundlichen Personalpolitik versuchen Politik und Wirtschaft, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu steigern.

Es ist jedoch nicht nur die Problematik der Vereinbarkeit oder des Berufswahlverhaltens, die Frauen in der Wirtschaft zur Mangelware macht: Frauen verfügen gegenüber Männern über eine äußerst geringe Machttradition und haben wenig weibliche Vorbilder. Sie verzichten eher auf Statussymbole wie große Autos, das aktuellste Handy – Dinge, die zeigen, „ich bin erfolgreich und mächtig“. Und sie packen die Macht nicht immer an, wo sie sich ihnen anbietet. Sie möchten Führen nach dem Prinzip des „princeps inter pares“, wollen mittendrin stehen statt oben drüber.

Werden Frauen nach ihrer Führungsposition befragt, so werden sie die Inhalte der Position in den Vordergrund stellen und betonen, wie interessant und vielseitig die Stellung ist. Frauen streben nach oben, weil sie etwas Sinnvolles, etwas Interessantes tun möchten. Attraktive Aufstiegschancen werden mitunter sogar ausgeschlagen, wenn das neue Aufgabengebiet als nicht reizvoll erachtet wird – trotz finanzieller Vorteile, mehr Akzeptanz und Macht. So hat die Aussage Molières „Macht ist, wo Bärte sind“ noch immer Aktualität – zumindest in den obersten Chefetagen der Wirtschaft.

Dagmar Bollin-Flade
Vizepräsidentin
IHK Frankfurt am Main und Geschäftsführende Gesellschafterin
Christian Bollin Armaturenfabrik, Frankfurt am Main
dagmar.bollin-flade@bollin.de

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