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STANDORTPOLITIK

Trägt der Teufel Prada?

Nur wenige Frauen schaffen es in Deutschland, Führungspositionen in Unternehmen zu erklimmen. Doch was fehlt den Frauen, um in Unternehmen an die Macht zu kommen? Ist Macht unweiblich – und was bedeutet Macht eigentlich? Funktioniert das Ausüben von Macht nur jenseits von Ethik – oder lassen sich Macht und Moral in der Wirtschaft miteinander in Einklang bringen?

Gerade in Deutschland sind Frauen in Machtpositionen immer noch in der Minderzahl. Sei es im Top-Management, sei es in Hochschulen, sei es im Mittelstand: Die Chefsessel werden zu 90 Prozent und mehr von Männern besetzt. Erklärungen und Deutungen gibt es zuhauf. Frauen mangelnden Willen zur Machtausübung zuzuschreiben ist eine davon: „So sind sie halt, die Frauen, der Durchsetzungswille fehlt, und der Preis für die Macht ist ihnen eben zu hoch.” Der Rückbezug auf eine angenommene „Natur der Frau”, der überdies der „Biss” fehlt, ist höchst problematisch. Diese naturalistische Erklärung ist nicht gerechtfertigt – weder Frauen noch Männern gegenüber. Strukturelle Probleme und Ungerechtigkeiten, politische und kulturelle Prägungen werden dabei nämlich ausgeblendet.

Zu fragen ist auch, welches Verständnis von Macht eigentlich hinter Aussagen der genannten Art stecken. Umfasst die Gleichsetzung von Macht mit Durchsetzungswillen denn Macht in seinen vielen Dimensionen? Es zeigt sich darin zumindest ein ganz klassisches Machtverständnis im Sinne der Definition des Soziologen Max Weber, der Macht als Möglichkeit, seinen Willen gegenüber anderen durchzusetzen, definiert. Keine Frage: Macht hat diesen Aspekt. Jeder und jede in einer Führungsposition kennt dies: Entscheidungen müssen getroffen werden, auch wenn diese für die Betroffenen höchst unangenehm sein können.

Aber Macht hat auch einen Beziehungs-Aspekt. Die Philosophin Hannah Arendt macht ihn in ihrer Analyse zu Macht und Gewalt deutlich: Sie sieht Macht überall dort, wo Menschen sich zusammentun und handeln. Gerade in Unternehmen und in Arbeitszusammenhängen zeigt sich, dass Macht auch diese Struktur haben kann. Ein Gegeneinander-Arbeiten innerhalb eines Unternehmens schwächt zumindest längerfristig die Firma oder die Institution. Es geht darum, im Team das Projekt und das Unternehmen voranzubringen.

Entspricht diese Form dann eher einer „weiblichen Form” von Machtvorstellung? Ginge es nach der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Carol Gilligan, könnte diese Frage durchaus mit „Ja” beantwortet werden. Sie fand bei ihrem Test zu moralischen Dilemmata bei den Antworten zwei Muster: Zum einen eine Orientierung an Gerechtigkeitsnormen, die eher die männlichen Probanden zeigten, zum anderen eine Orientierung an Fürsorgevorstellungen, die von der Mehrzahl der Frauen, die an den Tests teilnahmen, bevorzugt wurden.

Also liegt die Annahme nahe, dass Frauen sich eher auf die relationale Ausübung von Macht konzentrieren. Aber werden hier nicht auch wieder Stereotype von Männern und Frauen weitergeschrieben? Wie können uns ethische Analysen hier weiterhelfen? Ethik als kritische Reflexion von Moral fokussiert auf Handlungen. Bei der Frage nach der Macht ist vor allen Dingen – neben der Legitimation von Macht – von Interesse, wie Macht ausgeübt wird. Aber gerade auch eine kritische Analyse unserer Darstellung von Macht kann für die typischen Zuschreibungen weiblicher und männlicher Machtformen und deren Hinterfragen wichtig sein.

„Der Teufel trägt Prada” ist der Titel eines Films, der im vergangenen Herbst in die Kinos kam. Auf den ersten Blick erscheint die Überschrift treffend: Im Mittelpunkt des Films stehen zwei Frauen – Miranda Priestly, die divenhafte Chefin einer wichtigen Modezeitschrift, und ihre neue Assistentin Andy Sachs, die Collegeabsolventin, die Journalistin werden will und ihren Berufseinstieg dort findet. Miranda, dieser mächtigen Frau, wird niemand mangelnden Biss unterstellen wollen: Gleich im ersten Auftritt wird klargemacht, dass ihr Macht und Durchsetzungswille zugeschrieben werden.

Allein die Ankündigung, dass sie demnächst in das Büro kommt, lässt ihre Angestellten erzittern und in hektische Aktivitäten verfallen. Ihr Büro ist so gestaltet, dass sie den Über- und Einblick nach außen hat. Ein Blick von ihr genügt, um die Menschen um sich herum zu bewegen. Sie verlangt das Allerbeste und manchmal auch das beinahe Unmögliche. Der Titel zum Film scheint also zu passen. Aber weibliche Macht wird in diesem Film allein schon durch die Überschrift negativ besetzt. Die mächtige Miranda wird als Teufel bezeichnet – und die Quintessenz des Films ist dann auch tatsächlich, dass sich die junge Hauptperson Andy von dieser Form der Macht abwendet. Ist Macht unweiblich? Die „Macht von Frauen”, soll sie sich also von der „Macht von Männern” unterscheiden? Nein, es gilt vielmehr, die Stereotype zu hinterfragen.

Machtfragen sind im beruflichen Umfeld entscheidend. Das Gefühl für Macht, die Intuition für die richtigen Fragen, aber auch bei Bedarf das entschiedene Handeln, die Konstellation zu erkennen und zu nutzen – Aspekte der Macht, die Frauen und Männer brauchen. Wie Macht angewandt wird, wie verantwortlich gehandelt werden kann – Frauen und Männer sind hier gleichermaßen auf der Suche nach Antworten. Ethik wägt nüchtern und argumentativ ab, wie eine Handlung zu beurteilen ist. Dabei können dann durchaus die schon genannten Kriterien von Gerechtigkeit und Fürsorge eine Rolle spielen – für Männer und für Frauen.

Dies bedeutet, dass der Machtgebrauch dann anhand dieser Kriterien zu beurteilen ist. Es gilt, sich selber zu fragen, wie die Situation aussieht, welche Strukturen hier eine Rolle spielen, ob und wie sich in diesem Setting Gerechtigkeit und Fürsorge verbinden lassen – über die Zuschreibungen nach Männer- oder Frauenrollen hinaus. Denn diese Zuschreibungen schränken unsere Freiheit ein. Dadurch gehen Kreativität und Innovationsmöglichkeiten verloren. Macht geschieht nicht jenseits von Moral, sondern sie muss eingebunden werden in die Reflektion über Moral. Dann können die Verantwortlichen Machtfragen anders verstehen – und Macht so leben, dass sie förderlich ist für die Unternehmen und die Gesellschaft. Auch können die Verantwortlichen dann Macht so gestalten, wie es jedem und jeder Einzelnen entspricht.

Dr. Gotlind Ulshöfer

Studienleiterin für Wirtschaftspolitik und –ethik
Evangelische Akademie Arnoldshain, Schmitten
ulshoefer@evangelische-akademie.de

Quelle: IHK Frankfurt WirtschaftsForum
Januar 2007

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