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STANDORTPOLITIK
Demografischer Wandel erzwingt Bildungsreformen
Martin Wansleben (DIHK) im Interview mit der "Zeit"
(26.07.2007) Für eine Reform der Berufsausbildung und einen Universitätszugang ohne Abitur hat sich Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), ausgesprochen.
Hier das Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" im Wortlaut:
"Zeit": Das deutsche Ausbildungssystem gilt als vorbildlich. Weshalb muss es reformiert werden?
Wansleben: Wir haben im Laufe der Jahre eine Fülle unterschiedlicher Berufe entwickelt. Es gibt neue Kundenanforderungen, es wachsen neue Branchen, und daraus resultieren neue Anforderungen an die Qualifikation. So sind mit der Zeit rund 350 Berufe entstanden. Für einen Jugendlichen, der sich entscheiden soll, was er einmal machen will, ist eine solche Zahl schwer überschaubar. Außerdem müssen die Betriebe die unterschiedlichen Ausbildungsordnungen kennen, und Berufsschulen müssen 350 unterschiedliche Berufe unterrichten.
"Zeit": Warum geht das nicht mit dem alten Modell?
Wansleben: Das hat mit der demografischen Entwicklung zu tun. Heute haben wir pro Berufsbild in einer Region vielleicht 20 Jugendliche, in Zukunft werden es nur noch 10 sein. Da stellt sich die Frage, wie wir für die noch einen vernünftigen Berufsschulunterricht organisieren.
"Zeit": War das Problem nicht bisher, dass es nicht genug Ausbildungsplätze für alle Bewerber gab?
Wansleben: Es wird immer beklagt, dass nur 25 oder 30 Prozent der Betriebe ausbilden. Die Wahrheit ist, dass von den Betrieben ab 50 Mitarbeitern jeder zweite ausbildet. Betriebe mit 100 bis 200 Mitarbeitern bilden zu 70 Prozent aus, die mit über 500 Mitarbeitern zu 95 Prozent. Das Problem ist aber, dass 88 Prozent der Unternehmen in Deutschland weniger als 10 Mitarbeiter haben, und die bilden nur zu 17 Prozent aus. Viele Berufe sind so spezialisiert, dass diese kleinen Betriebe gar nicht ausbilden dürfen, weil sie nicht das ganze Spektrum abdecken, das die Ausbildungsordnungen verlangen.
"Zeit": Der Innovationskreis rät, unterschiedliche Berufe zu Berufsgruppen zusammenzufassen. Wie soll man sich das vorstellen?
Wansleben: Bevor wir unterschiedliche Berufsbilder zusammenstreichen, die möglicherweise ihre Daseinsberechtigung haben, überlegen wir, wo es Gemeinsamkeiten gibt. Alle kaufmännischen Berufe haben beispielsweise Buchführung gemeinsam. Solche Lehrinhalte könnte man zu einer Art Grundausbildung zusammenfassen, die alle Auszubildenden der Berufsgruppe absolvieren.
"Zeit": Eine Art Studium generale in der Ausbildung?
Wansleben: So ähnlich. In einem späteren Stadium käme dann die eigentliche Spezialisierung. So ließen sich trotz des demografischen Wandels noch ausreichende Klassenstärken sicherstellen.
"Zeit": Wie weit ist diese Idee gediehen?
Wansleben: Der Innovationskreis hat den Startschuss gegeben. Als Nächstes müssen wir gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium durchgehen, welche Berufe zu Gruppen zusammengefasst werden können. Und es wird darum gehen, berufsqualifizierende Spezialisierungsbausteine zu entwickeln, die sich an die gemeinsame Grundqualifikation anschließen. Am Ende stehen bei jedem Beruf mehrere Module, wovon je nach Beruf eine bestimmte Anzahl Pflicht sind. So ließen sich Betriebe dafür gewinnen, auszubilden, auch wenn sie nicht alle Module in ihrem Betrieb abdecken können.
"Zeit": Was bliebe bei einer Zerstückelung der Ausbildung noch vom dualen System?
Wansleben: Genau vor einer Zerstückelung warnen wir ja ausdrücklich. Wenn Ausbildungsinhalte unterteilt werden, heißt das eben nicht, dass die Ausbildung in Module zerfällt. Das Ziel der Ausbildung bleibt weiter, die Jugendlichen am Ende der Ausbildung mit einem Vollberuf zu entlassen. Sonst gibt es von Modul zu Modul eine Sollbruchstelle, und wehe uns, wenn sich die Jugendlichen alle drei Monate die Frage stellen: Mache ich weiter oder nicht? Wir werden uns hüten, die Jugendlichen und manchmal auch die Betriebe da in Versuchung zu führen.
"Zeit": Kann ein Auszubildender bald Modul eins in dem einen Betrieb machen, Modul zwei im zweiten und Modul drei im dritten?
Wansleben: Das wird nicht funktionieren. Die Azubis sind gut beraten, ein stabiles Ausbildungsverhältnis zu haben. Es kann aber sinnvoll sein, dass kleine Betriebe sich zu Ausbildungsverbünden zusammentun, die einen Beruf abdecken können. Oder dass Aufenthalte im europäischen Ausland anerkannt und geregelter Bestandteil der dualen Ausbildung werden. Aber Ausbildungs-Hopping darf es nicht geben.
"Zeit": Wie will sich die Berufsausbildung angesichts des demografischen Wandels auf den Wettbewerb mit den Hochschulen um die Jugendlichen einstellen?
Wansleben: Wir stehen ja nicht nur im Wettbewerb mit den Hochschulen, sondern auch in Konkurrenz zu allen anderen möglichen Optionen. Dazu gehören die Hochschulen, dazu gehört aber leider auch die Entscheidung, gar keine Ausbildung zu machen. Wir brauchen Angebote für diejenigen, die sich während der Ausbildung als so gut erweisen, dass sie auch noch etwas zusätzlich lernen können. Am Ende einer dualen Ausbildung muss deshalb die Möglichkeit zu einer Aufstiegsweiterbildung oder auch zum Zugang zu einer Hochschule bestehen. Das ist wichtig für die Attraktivität der dualen Ausbildung, das ist wichtig, um den Jugendlichen Chancen aufzuzeigen und ihren Ehrgeiz zu wecken.
"Zeit": Die Hochschulen verteidigen ihre akademische Exklusivität nach Kräften. Zuletzt gegen die Idee eines Bachelor Professional.
Wansleben: Zur Frage der Durchlässigkeit gab es eine lange und ausgiebige Diskussion, insbesondere mit dem Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz, Jürgen Zöllner. Ich finde bemerkenswert, dass sich der Innovationskreis in seinem Abschlusspapier auf ein klares Bekenntnis zur Durchlässigkeit geeinigt hat. Aber wir werden bei den Universitäten werben müssen, denn sie sind nach der Föderalismusreform ja weitgehend selbstständig in diesen Fragen.
"Zeit": Dann könnten etwa bei einem Bachelorstudium einzelne dieser Module angerechnet werden?
Wansleben: Das Ziel muss sein, dass einer, der eine Ausbildung macht, nicht länger bis zur Promotion braucht als ein Student. Das wäre natürlich ein Traum.
"Die Zeit" vom 26. Juli 2007
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